Wie Obermutten zum berühmtesten Dorf der Schweiz wurde

Es ist jetzt ein knappes halbes Jahr her, als das kleine, bis dahin unbekannte, 80-Seelen-Bergdorf Obermutten im Bündnerland für eine “e-Völkerwanderung” sorgte. Das Dorf brachte sich auf einen Schlag weltweit ins Gespräch. Bis nach Asien und weiter über den Pazifik bis Amerika bewog das Verprechen, dass jeder Fan mit seinem Profilbild an der Pinnwand im Dorf verewigt wird, viele Facebook Nutzer, sich der rasch anwachsenden Fangruppe anzuschliessen.

Angefangen hat die Erfolgsstory mitte September 2011 mit der Aufschaltung der Fanseite in Facebook. Bereits am 28. September bittet Gerry Flatscher die Fans um Geduld (Youtube-Video). Er hätte sich auch um seinen Gasthof zu kümmern. Das Aufhängen der Fotos entspreche gut einem 50% Job. Am 15. Oktober dann vermeldet Obermutten auf seiner Fanseite:

Since today we have more than 10’000 fans! We are overwhelmed!!!

Und Heute, am 3. Mai 2012  sind es über 17’000 Fans. Mehr als beachtlich. Zum Vergleich: Der Auftritt des (auch sehr schönen und vielfältigen!) Kantons Zürich zählt lediglich 560 Fans. Die Stadt Zürich, die sich selbst gerne als kleine Weltmetropole rühmt, glänzt mit fast vollständiger Abwesenheit.

Obermutten wird von Fans überrollt. Längst reicht die offizielle Pinnwand nicht mehr. Scheunen müssen her.

Obermutten wird von Fans überrollt. Längst reicht die offizielle Pinnwand nicht mehr. Scheunen müssen her. (Quelle: http://www.jvm.ch)

Wie kommt es, dass ein kleines, eher unbedeutendes Bergdorf derart überragende Erfolge verbuchen kann? Die Gründe dürften vielfältig sein:

  1. Die Idee. Die Aufmerksamkeit der Medien und Marketingexperten für diese gewaltige Innovation war so gut wie garantiert.
  2. Die enorme Einbindung der Fans in das Dorfleben. Die Fans werden Teil des Dorfs. Nicht umsonst wurde die Kampagne «Einbündnerung» genannt. Würde ein derartiger Aushang in einer Grossstadt kaum zur Kenntnis genommen, nimmt sie in diesem kleinen Dorf einen äusserst zentralen Platz ein. Die Kampagne dürfte nicht nur in die Geschichtsbücher von Obermutten Eingang finden. Die Fans sind als Bestandteil dieser Geschichte stolz auf ihre Mitwirkung.
  3. Die Art und Weise der Umsetzung. Der erste Ausdruck (von Gerry Flatscher) wird vom Gemeindepräsident Martin Wyss eigenhändig am 23.09.2011 aufgehängt. Dabei wirkt die ganze Aktion (hier in Youtube veröffentlicht) weder inszeniert noch professionell. Dass Martin Wyss seine kleine Rede teilweise ab Blatt lesen muss macht das Ganze nur symphatischer, ehrlicher und glaubwürdiger.
  4. Persönlichkeit und Authentizität. Wenn der Gemeindepräsident Martin Wyss, der Dorfwirt Gerry Flatscher und sein Sohn massgeblich – so dem Anschein nach – an der Aktion beteiligt sind, werden sie als Protagonisten wahrgenommen. Es handelt sich um Persönlichkeiten mit sehr hohem Wiedererkennungswert. Die Fans neigen dazu, eine emotionale Beziehung mit diesen Personen aufzubauen.
  5. Obermutten als Idyll. Obermutten ist das typische Schweizer Bergdorf. Ein Idyll. Ein Ort fernab der Zivilisation und ihren Grossstädten, die ohnehin nur schon durch die Medien allen bekannt sind. Ein kleines Bijou, welches besonders in Südkorea anzukommen scheint. 
  6. Professionalität. Durchgeführt wurde die Kampagne von Graubünden Ferien (Auftraggeber) und der renommierten Werbeagentur Jung von Matt/Limmat. Zurecht erhielt die Kampagne vom Art Director Club (ADC) die Goldmedallie. Darüber hinaus wurde sie bei den Best of Swiss Web Awards 2012 in der Kategorie „Digital Branding“ mit Gold und in der Kategorie „Online Marketing“ mit Silber ausgezeichnet.

Die genannten Gründe – die Liste ist sicherlich nicht abschliessend – haben zu einer äusserst bemerkenswerten viralen Verbreitung geführt. Es wurde ein sich selbst beschleunigender Prozess initiiert, ohne den ein derartiger Erfolg wohl nicht möglich gewesen wäre. Die Kampagne und die Genialität dahinter, ist sicherlich wegweisend für künftiges Social Media Marketing und ein Muss in jedem neuen Marketing-Lehrbuch.

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2 comments so far

  1. […] Obermuttens, sondern eine renommierte Agentur dahintersteckte. (Obermutten war übrigens schon hier und hier in unserem Blog Thema.) Auf dem Blog von Su Franke stellten jedenfalls einige […]

  2. […] meinem letzten Blog habe ich den Aufstieg Obermuttens zum berühmtesten Dorf der Schweiz illustriert. Ich habe Gründe […]


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